Von Harald Czycholl
400 Millionen euro setzt Kenias Blumenindustrie im Jahr um
Sie sind rot und stachelig, sie duften süß und frisch, und sie sind ein Symbol der Liebe und Verbundenheit: Rosen. Bald werden sie wieder millionenfach verschenkt, am Sonntag ist Valentinstag.
Ein Großteil der Rosen, die dann über die Ladentische in die Hände der Liebenden gelangen, haben einen weiten Weg hinter sich. Etwa jede dritte Rose stammt aus Kenia. Gerade im Winter, wenn die heimische Blumenproduktion ausfällt, werden die Importe aus Ostafrika besonders wichtig.
Am Morgen auf Kenias Blumenfarmen gepflückt und noch am selben Tag unterwegs nach Europa
In Kenia werden die Rosen auf riesigen Blumenfarmen angebaut, die sich rund um den Naivasha-See angesiedelt haben, rund 100 Kilometer nordwestlich der Landeshauptstadt Nairobi im Rift Valley. Die Gegend ist Teil des ostafrikanischen Grabens, im Boden liegt viel Vulkangestein, das ihn fruchtbar macht. Zusammen mit dem Wasser des Sees und der Sonne, die wenige Kilometer südlich des Äquators praktisch ständig scheint, entsteht ein optimales Klima für Blumen.
Wer die Ausdehnung der Gewächshäuser auf den 70 riesigen Farmen rund um den See sieht, kann erahnen, wie groß die wirtschaftliche Bedeutung dieses Industriezweigs für das von Krisen gebeutelte Kenia ist. Im Gegensatz zu vielen Landsleuten, die das Leben getreu dem kenianischen Lebensmotto pole pole (langsam langsam) gerne ruhig angehen lassen, sind die Blumenfarmer richtig fix: Rosen, die morgens geschnitten werden, schaffen es meist am gleichen Tag auf Auktionen in Europa.
"Wir halten alle Umweltregeln ein", beteuern die Farmer
Blumen gehören neben Tourismus und Tee zu den wichtigsten Wirtschaftsgütern des Entwicklungslandes. Mit einem Jahresumsatz von umgerechnet rund 400 Millionen Euro machen sie fast fünf Prozent des kenianischen Bruttoinlandsproduktes aus und sind nach dem Tourismus der zweitwichtigste Devisenbringer. Die Industrie ernährt rund eine halbe Million Menschen.
Und doch: Die Blumenzucht ist auch ein Problem. Zum Beispiel für den Naivasha-See, den einzigen Süßwassersee der Gegend, der Hunderte seltene Tierarten beherbergt und ein beliebtes Ziel für Touristen ist. Und die Zucht ist auch ein Problem für den Volksstamm der Massai, die rund um den See leben. Die Abwässer der Farmen, belastet mit Pestiziden und Dünger, werden ungefiltert in den See geleitet, klagt Charles Mwake, Sprecher der örtlichen Massai-Gemeinde. Sein Beweis sind seine toten Tiere - 78 Schafe und Ziegen hat er im vergangenen Jahr verloren. Und sie seien nicht Opfer von Dieben oder wilden Tieren geworden, sondern einfach gestorben. Die Tiere haben wahrscheinlich aus Abwasserkanälen der Blumenfarmen getrunken, sagt Mwake.
Sein Bruder hat im vergangenen Jahr 28 Rinder verloren, und vielen Massai gehe es ähnlich. Für die Hirten des Nomadenstamms ist der Verlust der Rinder schon eine spirituelle Katastrophe: Sie glauben, dass ihr Gott Enkai, der in Kenias Nachbarland Tansania auf dem Berg Oldonyo Lengai lebt, zuerst die Massai geschaffen habe - und dann die Rinder. Die Tiere sind Heiligtum und Existenzgrundlage zugleich.
Die Kühe ernähren als Milch- und Fleischlieferanten die Massai-Familien. Zudem schätzen die Stammesangehörigen Rinderblut als Getränk. Überschüssige Tiere werden auf Viehmärkten verkauft - so kommt das nötige Bargeld für den täglichen Bedarf und die Schulgebühren der Kinder zusammen. Das Gleiche gilt auch für Schafe und Ziegen. Die sind zwar nicht heilig, lassen sich aber auch prima essen und verkaufen.
Noch dazu gehört das Land, auf dem heute Blumen gezüchtet werden, eigentlich den Massai. Ende des 19. Jahrhunderts nahmen die britischen Kolonialherren dem Stamm mit einem umstrittenen Vertrag das Land ab und verkauften es. Das alles ist Vergangenheit, weiß auch Mwake. Aber er fordert: Die Farmen müssen endlich ihre Abwässer korrekt entsorgen.
Das werde längst getan, versichert Sunita Saarkar, Geschäftsführerin des Anbauverbandes Lake Naivasha Growers Group. Die Abwässer würden nie ungefiltert in den See gelangen. Viele Farmen arbeiteten sogar mit einem geschlossenen Wasserkreislauf und recycelten das Wasser. Viele Unternehmen sind von Umweltschutzorganisationen ausgezeichnet worden. Einige dürften gar das Fair-Trade-Siegel tragen. Das Fazit der Verbands-Chefin: Keines unserer Mitglieder verletzt die Regeln.
Die Regeln, von der Saarkar spricht, hat die nationale Umweltbehörde NEMA aufgestellt. Es wäre gut, wenn die Blumenindustrie beweisen würde, dass sie die Regeln einhält, sagt Nema-Sprecher Muusja Mwinzi. Denn seine Behörde hat zu wenig Personal, um zu kontrollieren, ob nur zugelassene Pestizide verwendet und Abwässer richtig entsorgt werden. Ein einziger Umweltinspektor ist für die gesamte Naivasha-Region zuständig. Das führt dazu, dass jede Farm nur alle zwei Jahre kontrolliert wird. Zudem müssen wir Kontrollen ankündigen, sagt der Nema-Sprecher. Für ihn ist klar, dass die Blumenindustrie dem See schadet. Als Indiz wertet er die Ausbreitung der Wasserhyazinthe. Das Unkraut, das dem See Sauerstoff entzieht und andere Pflanzen und Tiere verdrängt, gedeiht besonders in überdüngten Gewässern. Im 150 Quadratkilometer großen Naivasha-See floriert es seit 20 Jahren - seit die ersten Blumenfarmen an den Ufern gebaut wurden.
Für den Farmer-Verband ist das kein Beweis. Naivasha war schon immer ein nährstoffreicher See. In den See fließt viel sedimenthaltiges Wasser aus dem Malewa-Fluss, sagt Geschäftsführerin Saarkar. Für sie ist die Ausbreitung der Wasserhyazinthe eher eine Folge der globalen Erwärmung.
Früher sorgten Papyrus-Biotope und Akazienwälder für eine natürliche Reinigung des Gewässers, an dessen Ufer sich 495 Vogel- und 55 Säugetierarten tummeln, darunter eine große Kolonie Flusspferde. Doch gegen Dünger und Pestizide sind natürliche Filter machtlos. Der Naivasha-See ist zwar zum Schutzgebiet erklärt worden. Aber es fehlt der politische Wille, uns mehr Schlagkraft zu verleihen, sagt Nema-Sprecher Mwinzi. Die Blumenindustrie legt goldene Eier für Kenia. Deshalb hat sie einen enormen Rückhalt in der Politik. Zumal viele Parlamentsabgeordnete Gesellschafter von Blumenfarmen sind. Und so fließen einige der Euros, die deutsche Verliebte am Valentinstag in Rosen investieren, direkt in die Hände kenianischer Politiker.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, REUTERS
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